Es war ein Februarmorgen 2009. Mein Telefon klingelte, bevor ich meinen ersten Kaffee getrunken hatte. Am anderen Ende: Klaus, Produktionsleiter in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen, Mitte 50. Seine Stimme war flach.
„Markus, ich habe gerade nachgeschaut. Das Depot ist 42 Prozent im Minus. Was soll ich jetzt machen?"
Ich erinnere mich an diese Frage noch heute. Nicht wegen der Zahl. Die Zahl war real – der MSCI World hatte von Oktober 2007 bis März 2009 tatsächlich rund 54 Prozent verloren, europäische Märkte teilweise noch mehr. Sondern wegen dessen, was danach kam.
Was Klaus nicht wusste – was die meisten nicht wussten – war, dass gerade in diesem Moment die Weichen für den größten Börsenboom der Geschichte gestellt wurden. Nicht durch Wirtschaftswachstum. Nicht durch Unternehmensgewinne. Sondern durch eine geldpolitische Entscheidung, die keine Demokratie je wirklich abgestimmt hat.
Die Zahl, die alles erklärt
Allein im ersten Halbjahr 2026 flossen 1,07 Billionen Dollar neu in ETFs – der höchste jemals gemessene Halbjahreswert. PwC geht davon aus, dass der Markt bis 2030 die 30-Billionen-Dollar-Grenze überschreiten wird.
Sehen Sie die Parallele zwischen dem Wachstum des ETF-Markts und der Ausweitung der Zentralbankbilanzen? Das ist kein Zufall.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 2008 | Globales ETF-Vermögen: ~325 Mrd. USD · Lehman Brothers kollabiert |
| 2009 | Fed startet erstes Quantitative Easing (QE1): +1,75 Bio. USD Anleihekäufe |
| 2012 | EZB-Chef Draghi: „Whatever it takes" – Eurokrise beendet, Liquiditätsflut beginnt |
| 2015 | EZB startet eigenes Anleihekaufprogramm (PSPP): 60 Mrd. € / Monat |
| 2020 | Covid-Krise: Fed und EZB pumpen gemeinsam >5 Bio. USD in wenigen Wochen |
| 2022 | EZB-Bilanzsumme erreicht Höchststand: 8,83 Bio. € · ETF-Markt >10 Bio. USD |
| 2026 | Globales ETF-Volumen: 23,08 Bio. USD · Halbjahresrekord: +1,07 Bio. Zuflüsse |
Was 2008 wirklich ausgelöst hat
Um zu verstehen, warum ETFs explodiert sind, muss man verstehen, was nach 2008 passiert ist. Nicht in den Depots. In den Zentralbankgebäuden.
Die US-Notenbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank reagierten auf die Finanzkrise mit einem Instrument, das vorher in dieser Dimension nie eingesetzt worden war: Quantitative Easing – Geldmengenerweiterung durch Anleihekäufe.
Die Idee dahinter ist simpel. Die Zentralbank kauft Staatsanleihen und Unternehmensanleihen vom Markt. Das drückt deren Renditen auf null. Wer Sicherheit will, bekommt nichts mehr dafür. Also sucht er Rendite woanders.
Woanders bedeutete: Aktienmarkt. Und wer günstig in den Aktienmarkt investieren wollte, fand ein Instrument, das genau zu diesem Moment bereit stand.
ETFs haben den Bullenmarkt nicht verursacht. Aber sie haben ihn perfekt eingefangen – und davon profitiert. Der Unterschied ist entscheidend.
Das Missverständnis, das Millionen teuer zu stehen kommen kann
Stellen Sie sich vor, Sie wetten seit 15 Jahren auf dasselbe Pferd – und es gewinnt jedes Mal. Irgendwann glauben Sie nicht mehr, dass Sie Glück hatten. Sie glauben, dass Sie das richtige Pferd gewählt haben.
Genau das ist mit ETFs passiert.
Von 2009 bis 2022 legte der MSCI World um rund 400 Prozent zu. Wer 2009 investiert und seitdem nichts getan hat, sieht das als Beweis für die Überlegenheit passiver Strategien. Die Frage, die dabei nicht gestellt wird: Wäre diese Rendite auch ohne die größte Geldmengenausweitung der Geschichte eingetreten?
Die Antwort ist Nein. Und zwar aus einem simplen Grund:
Das reale Wirtschaftswachstum der westlichen Welt war in diesem Zeitraum enttäuschend. Deutschland wuchs in manchen Jahren gar nicht. Europas BIP stagnierte. Die Unternehmensgewinne der meisten DAX-Konzerne stiegen moderat – nicht exponentiell.
Was exponentiell stieg, waren die Aktienbewertungen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI World kletterte von historisch normalen 15 auf zeitweise über 25. Nicht weil die Unternehmen besser wurden. Sondern weil das billige Geld die Preise trieb.
Die Frage, die Klaus heute stellt
Klaus, mein Kunde aus 2009, hat von all dem profitiert. Er ist dabeigeblieben, hat weiter bespart, und sein Depot steht heute deutlich besser als damals. Er ist dankbar.
Aber vor ein paar Monaten hat er mich etwas gefragt, das mich nicht losgelassen hat.
„Markus, die Zinsen sind wieder höher. Die EZB schrumpft ihre Bilanz. Was passiert jetzt mit meinem Depot, wenn das, was es groß gemacht hat, gerade rückwärts läuft?"
Es ist die richtige Frage. Die Frage, die jeder stellen sollte, der heute in einen ETF investiert.
Wer den Treiber versteht, versteht auch das Risiko.
Was Sie jetzt mitnehmen sollten
ETFs sind nicht deshalb gut, weil passive Anlagestrategien grundsätzlich überlegen sind. Sie sind gut, wenn die Rahmenbedingungen stimmen – und in den letzten 15 Jahren haben sie gestimmt wie nie zuvor in der Geschichte.
Die Frage ist nicht, ob ETFs funktioniert haben. Die Frage ist, ob sie unter anderen Bedingungen genauso gut funktionieren.
Was steckt wirklich in Ihrem ETF?
Sie wissen jetzt, warum ETFs gewachsen sind. Aber wissen Sie, was Ihr MSCI World tatsächlich kauft? Nicht die Antwort, die auf der Website steht – sondern die, die Ihnen kein Influencer erklärt. Teil 3 öffnet die Blackbox.
📅 Erscheint am 27. August 2026