Wie viel USA steckt in Ihrem Portfolio?
Wenn Ihr MSCI-World-ETF rund 72 Prozent USA enthält, haben Sie eine Länderwette. Die Frage ist nicht, ob das falsch ist – sondern ob Sie es wissen und verantworten wollen.
ETF – Die verkannte Anlagestrategie · Teil 4 von 7
15 Jahre Überperformance beweisen, dass diese Strategie funktioniert hat. Sie beweisen nicht, warum – und schon gar nicht, dass sie es weiter tut. Dieser Teil zeigt die drei Bedingungen, unter denen der Rückenwind entstand, und was davon 2026 noch übrig ist.
Erschienen am 3. September 2026 · Lesedauer etwa 9 Minuten · Markus Feistle, Strategischer Finanzarchitekt
MSCI World: +21,6 Prozent. MSCI Europe: +40,3 Prozent. Genau in dem Jahr, in dem „das stagnierende Europa“ als Anlageregion niemand haben wollte.
Das ist kein Ausreißer, sondern ein Hinweis darauf, dass die Bedingungen sich verschoben haben. Wer sie nicht kennt, hält das Ergebnis für Zufall.
Elisabeth rief an einem Montagmorgen an. Unternehmerin, 54 Jahre alt, Mittelstand, präzise denkend wie jemand, der ein produzierendes Unternehmen führt. Ihre Stimme klang ruhig – zu ruhig für jemanden, der anruft, ohne zu wissen warum.
„Mein ETF hat 19 Prozent gemacht. Mein Bruder hat mir seinen Depotauszug geschickt. Er hatte einen aktiv gemanagten Fonds – Europa-Schwerpunkt. 38 Prozent.“
Kurze Pause. „Ich dachte, ETFs seien die kluge Wahl.“
Sie sind klug. Aber klug bedeutet nicht: immer richtig. Und es bedeutet vor allem nicht: unter allen Bedingungen überlegen.
Was Elisabeth erlebt hat, ist kein Zufall. Es ist das erste sichtbare Symptom eines Zusammenbruchs – nicht des MSCI World als Produkt, sondern als Mythos.
Der Blick unter die Haube
Der MSCI World bildet rund 1.300 bis 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern ab – gewichtet nach Marktkapitalisierung. Je größer ein Unternehmen, desto mehr Ihres Geldes fließt dorthin. Auf dem Papier: globale Streuung. In der Praxis, Stand Mai 2026:
| Kennzahl | Anteil am Index |
|---|---|
| US-Aktien | rund 72 % |
| Informationstechnologie | rund 28 % |
| Nvidia allein | rund 5,6 % – im Oktober 2022 waren es rund 0,7 % |
| Die zehn größten Positionen zusammen | rund 27 % |
Die USA machen rund 72 Prozent des MSCI World aus. Ihr Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung liegt bei rund 26 Prozent, nominal gerechnet – kaufkraftbereinigt sind es rund 15 Prozent. Wie man auch rechnet: Der Abstand zwischen Börsengewicht und Wirtschaftsgewicht ist groß.
Das ist kein Fehler des Index. Es ist seine Bauart. Der MSCI World bildet nicht die Weltwirtschaft ab – er bildet die Bewertungen der Weltbörsen ab. Und die sind historisch verzerrt, durch drei Faktoren, die gemeinsam einen einmaligen Sonderfall geschaffen haben.
Die Mechanik
Von 2009 bis 2022 senkten die großen Zentralbanken – Fed, EZB, Bank of Japan – ihre Leitzinsen auf null oder darunter. Sichere Anlagen wie Staatsanleihen und Festgeld brachten nichts. Das Kapital musste irgendwo hin. Es ging in Aktien.
In der Finanztheorie heißt das Diskontierungseffekt: Der faire Wert einer Aktie hängt davon ab, mit welchem Zinssatz künftige Gewinne in die Gegenwart gerechnet werden. Je niedriger der Zins, desto höher der heutige Wert künftiger Gewinne – und desto höher die Kurse. Nicht wegen besserer Unternehmensleistung. Wegen Mathematik.
Ein erheblicher Teil der Kurssteigerungen von 2009 bis 2022 war also kein Beweis für die Qualität der Unternehmen, sondern das Rechenergebnis einer historisch einmaligen Zinspolitik. Diese Ära ist vorbei. Der Rückenwind ist weg.
Parallel zur Zinspolitik kauften die Zentralbanken Anleihen in beispiellosem Ausmaß. Die EZB pumpte im Rahmen ihrer Kaufprogramme zwischen 2015 und 2022 rund 3,3 Billionen Euro in die Finanzmärkte. Die Fed weitete ihre Bilanz von knapp einer Billion Dollar (2008) auf über neun Billionen Dollar (2022) aus.
Dieses Geld floss – direkt und indirekt – in Aktienindizes. Wer in dieser Phase einen breit streuenden ETF hielt, profitierte von einem Kapitalstrom, der politisch geschaffen worden war. Nicht vom Markt. Nicht von der Wirtschaft. Von der Geldpolitik.
Wer heute mit 10, 12 oder 15 Prozent Jahresrendite kalkuliert, rechnet mit Jahren, deren Bedingungen sich strukturell nicht wiederholen lassen.
Im Oktober 2022 hatte Nvidia eine Gewichtung von rund 0,7 Prozent im MSCI World. Im Mai 2026 waren es rund 5,6 Prozent. Das ist eine Verachtfachung – nicht weil das Unternehmen achtmal besser wurde, sondern weil der Markt eine einzige These – Künstliche Intelligenz – mit einem Bewertungssprung versehen hat, der historisch seinesgleichen sucht.
Der MSCI World ist damit zur Wette auf eine einzige Erzählung geworden: KI verändert alles. Wer im MSCI World investiert ist, hat diese Wette getroffen – ob er es weiß oder nicht.
Und dann ist da ein Detail, das kaum jemand bemerkt: Die großen US-Technologiewerte, die den Index über Jahre getragen haben, sind in institutionellen Portfolios auf dem Rückzug. Nach Berichten von Ende Juni 2026 war ihr gemeinsames Indexgewicht auf rund 14,5 Prozent gefallen – den tiefsten Stand seit drei Jahren; im selben Monat vollzogen Hedgefonds den größten wöchentlichen Abverkauf amerikanischer IT-Aktien seit 2016. Was der Profi verkauft, bleibt im ETF-Anteil des Privatanlegers zunächst liegen.
Das erste Symptom
In der Welt, die der MSCI-World-Mythos beschreibt, schlägt der globale Index regelmäßig alle regionalen Alternativen. Er ist das Beste aus allen Welten: gestreut, günstig, überzeugend.
2025 kam es anders. MSCI World: +21,6 Prozent. MSCI Europe: +40,3 Prozent. Europa – das angeblich stagnierende, bürokratiebelastete, strukturschwache Europa – hat den globalen Index fast doppelt so stark übertroffen. Für Elisabeth und ihren Bruder war das persönlich spürbar. Für die meisten ETF-Anleger blieb es unsichtbar.
Warum hat Europa gewonnen? Weil die Bewertungen nach Jahren der Underperformance wieder fair waren. Weil sich die Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa anglich. Weil Kapital rotierte – weg von der KI-Wette, hin zu Substanz.
Ob daraus ein Trend wird, weiß niemand, und niemand sollte es behaupten. Ein einzelnes Jahr beweist so wenig wie fünfzehn. Was es zeigt: Die Annahme, ein Index sei unter allen Bedingungen überlegen, hält der Wirklichkeit nicht stand.
Als Elisabeth 2010 ihren ETF-Sparplan startete, war die Empfehlung richtig. Niedrige Kosten, breite Streuung, kein Markt-Timing. Alles vernünftig.
Der Fehler war nicht die Empfehlung. Der Fehler war, was danach kam – oder besser: was nicht kam.
Ein ETF ist kein Autopilot. Er ist ein Instrument. Und jedes Instrument braucht jemanden, der versteht, wann es passt – und wann nicht.
Was jetzt?
Wenn Ihr MSCI-World-ETF rund 72 Prozent USA enthält, haben Sie eine Länderwette. Die Frage ist nicht, ob das falsch ist – sondern ob Sie es wissen und verantworten wollen.
Ein einzelner Titel hat sich in vier Jahren verachtfacht. Ihr Portfolio hat sich mitverändert – ohne dass Sie eine Entscheidung getroffen haben. Ist das, was heute drin ist, noch das, was Sie wollten?
Nullzinsen, Anleihekäufe und US-Technologiedominanz haben den Sonderfall geschaffen. In dieser Kombination existieren sie nicht mehr. Ihre Altersvorsorge verdient eine Strategie für die Zukunft.
Diese Serie kritisiert ein günstiges, weit verbreitetes Produkt. Ein skeptischer Leser sucht dabei zu Recht nach dem Motiv. Also sage ich es selbst: An einem ETF verdiene ich nichts.
Daraus folgt nicht, dass ETFs schlecht sind. Sie sind für viele Anleger das richtige Werkzeug. Was ich bezweifle, ist etwas anderes: dass ein Werkzeug eine Strategie ersetzt. Ich arbeite produktneutral – ohne eigenes Produkt, ohne Bestand, ohne Quote – bei regulierter Anbindung für die Anlageberatung.
Bevor Sie fragen
Nein – jedenfalls nicht wegen dieses Textes. Wer wegen eines Artikels verkauft, hat die Strategie nur gegen eine andere Bauchentscheidung getauscht. Die sinnvolle Reaktion ist nicht der Verkauf, sondern die Bestandsaufnahme: Was habe ich, warum habe ich es, und passt das zu dem, was ich in zehn Jahren brauche?
Das weiß niemand, und ein einzelnes starkes Jahr beweist es nicht. Der Punkt ist nicht „Europa statt USA“, sondern: Ein Index, der zu rund 72 Prozent aus einem einzigen Land besteht, ist eine Länderwette. Ob Sie diese Wette eingehen wollen, sollte eine Entscheidung sein und kein Nebeneffekt.
Nein. Die SPIVA-Auswertungen von S&P zeigen über lange Zeiträume, dass die Mehrheit der aktiven Fonds ihren Vergleichsindex nach Kosten nicht schlägt. Elisabeths Bruder hatte in einem Jahr recht – das ist keine Methode. Die Frage ist nicht aktiv oder passiv, sondern: Wie viel wovon, und wozu.
Einmal im Jahr reicht in ruhigen Zeiten, und immer dann, wenn sich Ihre Lebenssituation ändert – Abfindung, Erbschaft, Ruhestand, Unternehmensverkauf. Wichtig ist weniger die Häufigkeit als die Frage, gegen welches Ziel Sie prüfen. Ohne Zielgröße ist jede Prüfung ein Blick auf Zahlen ohne Maßstab.
Sie wissen jetzt, warum 15 Jahre Rendite kein Beweis sind, sondern Rückenwind. Teil 5 zeigt das systemische Risiko dahinter: Was geschieht, wenn Millionen Anleger gleichzeitig dasselbe tun – und dann alle gleichzeitig aufhören?
Erscheint am 10. September 2026
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Dieser Beitrag ist eine allgemeine Information und keine Anlageberatung im Einzelfall, keine Kauf- und keine Verkaufsempfehlung. Kursverluste sind möglich, auch ein Totalverlust ist bei Aktienanlagen nicht ausgeschlossen. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft. Genannte Zahlen zur Indexzusammensetzung sind Stichtagswerte und ändern sich laufend; maßgeblich sind allein die Verkaufsunterlagen des jeweiligen Anbieters. Einzelne Unternehmen werden ausschließlich zur Veranschaulichung der Indexmechanik genannt und nicht bewertet.