Markus FeistleStrategischer Finanzarchitekt 30-Minuten-Termin

Teil 1 von 2 · Für Ingenieure, Führungskräfte und Unternehmer, die ihre Entscheidungen selbst prüfen wollen

Entscheidungen unter Stress: Wer im Regen steht, wird nass

Wie ein Mann, dessen Beruf das Prüfen war, in vier Jahren aufhörte zu prüfen. Was dabei im Gehirn passiert, was den Regen macht – und warum Bildung nicht davor schützt.

Erschienen am 5. September 2026 · Lesedauer rund 9 Minuten · Markus Feistle, Strategischer Finanzarchitekt

Dortmund & Metropole Ruhr · persönlich oder online · Beratung unter dem Haftungsdach der MLP Banking AG

Ein Mann steht vor einem übergroßen Smartphone, auf dessen Bildschirm ein Gewitter mit den Worten Angst und Wut lodert, während ringsum die Sonne scheint

Mein Name ist Markus Feistle. Seit über 25 Jahren bin ich strategischer Finanzarchitekt. Ich berate Ingenieure, Führungskräfte und Unternehmer unabhängig und ganzheitlich in allen Finanzfragen – mit dem Netzwerk von MLP im Rücken.

Dieser Text handelt nicht von Geld. Der zweite Teil schon.

Eine Fallgeschichte

Ein Fall, wie er im Revier immer wieder vorkommt

Zugespitzt, aber in jedem Einzelteil vertraut.

Ein Werkleiter, Maschinenbau, dreißig Jahre im Beruf. Sein Handwerk war das Prüfen. Nannte ein Lieferant eine Zahl, wollte er das Messprotokoll sehen. Zwei Werke hat er so saniert.

Dann kam die Restrukturierung.

Sein Standort wurde verlagert. Er war 56. Er bekam eine Abfindung, ein sehr gutes Zeugnis und vierzig freie Stunden in der Woche.

In seinem alten Leben klingelte das Telefon vierzig Mal am Tag. Danach klingelte es dienstags. Seine Frau fragte, ob noch Milch da sei.

Er wurde nicht arm. Er wurde überflüssig.

Drei Sätze, drei Jahre

Er hatte Zeit. Und er hatte ein Telefon.

  1. Stufe eins

    „Die Statistiken sind geschönt.“

    Das ist ein vernünftiger Satz. Behörden schönen manchmal. Ein Mann, der Messprotokolle geprüft hat, darf das denken.

  2. Stufe zwei · ein Jahr später

    „Die lügen uns an.“

    Das ist etwas anderes. Geschönt heißt: Ich prüfe nach. Gelogen heißt: Prüfen lohnt sich nicht mehr. Ab hier braucht er keine Quelle mehr. Er braucht Bestätigung. Und die bekommt er, in jeder Menge, kostenlos, rund um die Uhr.

  3. Stufe drei · wieder ein Jahr später

    „Das ist Absicht. Da steckt jemand dahinter.“

    Jetzt ist er angekommen. Nicht bei einer Meinung. Bei einer Welterklärung. Eine Welterklärung hat einen unschlagbaren Vorteil: Sie erklärt auch, warum das Telefon nicht mehr klingelt.

Der Küchentisch

An einem Sonntag sitzt seine Tochter da. Es geht um Kriminalität. Er sagt, die Zahlen der Polizei seien gefälscht.

Sie fragt: Woher weißt du das?

Er sagt: Das sieht man doch.

Sie widerspricht. Er wird laut. Ihr Mann sagt einen Satz. Der Vater sagt einen zurück.

Es ist kein Streit über Kriminalität mehr. Es ist ein Urteil über Menschen.

Weihnachten kam sie nicht.

Vierzehn Monate kein Anruf. Aus einer Statistik.

Der Mann, dessen Beruf das Prüfen war, konnte am Ende nicht mehr sagen, woher er etwas weiß. Und stand allein in einer Küche, in der früher fünf Leute saßen.

Das ist die eigentliche Rechnung. Sie steht in keiner Statistik.

Der Mechanismus

Was im Kopf passiert

Viele gebildete Menschen glauben, sie könnten immer klar denken. Sie könnten Wahrheit und Lüge unterscheiden, wenn sie nur genau hinsehen.

Das wäre schön. Es stimmt nur nicht.

Amy Arnsten von der Yale University hat beschrieben, was unter Stress geschieht. Schon milder, unkontrollierbarer Stress kostet präfrontale Denkleistung. Der präfrontale Kortex ist der Teil des Gehirns, der abwägt, prüft und Widersprüche aushält.

Er wird nicht müde. Er wird leiser gestellt.

Stattdessen übernehmen Amygdala und Striatum. Die sind für schnelle Reaktion gebaut, nicht fürs Prüfen. Arnsten nennt es den Wechsel vom nachdenklichen in den reflexhaften Zustand.

Der Mechanismus sind Botenstoffe. Unter Stress steigen Noradrenalin und Dopamin. Zu viel davon schwächt die präfrontalen Netzwerke – und stärkt gleichzeitig die Amygdala.

Das ist kein Charakterfehler. Das ist ein Schaltvorgang.

Deshalb schützt Bildung nicht davor. Der Schalter sitzt unterhalb der Bildung.

Und Arbeitslosigkeit mit 56 ist genau das, was Arnsten unkontrollierbaren Stress nennt.

Die Umgebung

Wer den Regen macht

Kein Algorithmus ist auf Angst programmiert. Er ist auf Aufmerksamkeit optimiert. Das ist schlimmer, weil es messbar ist.

Ein Team um Claire Robertson hat 370 Millionen Einblendungen ausgewertet, verteilt auf rund 105.000 Schlagzeilenvarianten.

Balkendiagramm: je zusätzliches negatives Wort in der Schlagzeile plus 2,3 Prozent Klickrate, je zusätzliches positives Wort minus 1,0 Prozent
Wirkung eines einzelnen Wortes auf die Klickrate. Quelle: Robertson u. a., Nature Human Behaviour 2023.

Niemand musste Angst einprogrammieren. Sie wurde gemessen und belohnt.

Dazu die Geschwindigkeit. Soroush Vosoughi und Kollegen untersuchten 126.000 Verbreitungsketten. Falschmeldungen wurden 70 Prozent häufiger weitergegeben als wahre. Die Wahrheit brauchte sechsmal so lange bis zu 1.500 Menschen.

Das ist der Regen. Er fällt nicht zufällig.

Und die Dosis

Der Bitkom hat im März 2026 die tägliche Smartphone-Nutzung erhoben: 180 Minuten im Schnitt, bei den 16- bis 29-Jährigen 216. Zwei Jahre zuvor waren es rund 150 Minuten.

Zur Einordnung die mediale Internetnutzung der ARD/ZDF-Onlinestudie: 2018 rund 100 Minuten am Tag, 2021 rund 136 Minuten.

Mein Werkleiter stand vier Jahre darin. Mit vierzig freien Stunden in der Woche.

Wer sich in den Regen stellt, wird nass. Das ist keine Schwäche. Das ist Physik.

Die Gegenrede

Was daraus wird – und was nicht

Hier muss ich gegen meine eigene These arbeiten.

Die Verschwörungsmentalität in Deutschland ist zwischen 2018 und 2020 messbar gestiegen: von 30,8 auf 38,4 Prozent, in Ostdeutschland von 34,5 auf 51,4 Prozent. Das misst die Leipziger Autoritarismus-Studie seit 2002.

Daraus ließe sich ein Trend machen. Man sollte es nicht.

Joseph Uscinski und Kollegen haben 52 Verschwörungstheorien in den USA und sechs europäischen Ländern über lange Zeiträume geprüft, teilweise über Jahrzehnte. Ergebnis: kein systematischer Anstieg. Es gab mehr Rückgänge als Anstiege.

Wer behauptet, der Verschwörungsglaube habe sich vervielfacht, hat diese Studie gegen sich.

Näher an der Sache ist ein dritter Befund. Adam Enders und Kollegen fanden: Wer Nachrichten aus sozialen Medien bezieht, glaubt häufiger an Verschwörungstheorien. Der Zusammenhang hängt aber von der Veranlagung ab. Je stärker die Neigung schon ist, desto stärker wirkt die Nutzung.

Der Feed erschafft die Neigung nicht. Er findet sie und gießt sie. Der Regen macht nicht jeden krank – er macht den nass, der darin steht.

Die Gegenprobe

Jetzt die Zahlen, die niemand teilt.

Das DIW hat 2025 zwei Kurven übereinandergelegt: die Angst vor Kriminalität und die tatsächlichen Straftaten. Zwischen 2014 und 2017 stieg die Angst von 31 auf 47 Prozent. Die Straftatenzahlen fielen.

Und heute? Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 weist 5,6 Prozent weniger Straftaten aus. Die Gewaltkriminalität sank um 2,3 Prozent, erstmals seit 2021.

Die politisch motivierte Kriminalität dagegen erreichte 2025 mit 85.837 Fällen einen neuen Höchststand.

Es sind zwei Statistiken mit unterschiedlicher Erfassungslogik. Vergleichbar sind deshalb nicht die Größen, sondern die Richtungen. Und die zeigen auseinander.

Wir werden nicht gefährlicher. Wir werden gefährlicher füreinander.

Mein Werkleiter hatte recht mit seinem Gefühl. Und unrecht mit der Zahl.

Was am Küchentisch passiert, passiert im Land

Diese Küche steht nicht allein.

81 Prozent der Deutschen nehmen ihre Gesellschaft als gespalten wahr. Am stärksten polarisiert sind drei Themen: Klimaschutz, die Unterstützung der Ukraine und die Integration von Zugewanderten. Die höchsten Werte bei affektiver Polarisierung finden sich bei den Anhängern von AfD und Grünen.

Affektiv heißt: Es geht nicht mehr um die Sache. Es geht um die Person, die sie vertritt.

20 Prozent der Deutschen haben Freunde verloren, weil diese eine andere Meinung zu Corona hatten. Jeder Fünfte.

Ein Gegner ist jemand, mit dem man streitet. Ein Feind ist jemand, mit dem man nicht mehr spricht.

Drei Schritte, die Sie ohne Berater gehen können

Den ersten schaffen Sie in zwei Minuten.

  • Erstens, heute. Lesen Sie Ihre Bildschirmzeit aus. Beim iPhone unter Einstellungen, bei Android unter Digitales Wohlbefinden. Schreiben Sie die Zahl auf. Schätzen Sie nicht – fast alle schätzen zu niedrig.
  • Zweitens, diese Woche. Nehmen Sie die nächsten fünf Beiträge, die Sie ärgern. Suchen Sie die Originalquelle. Zählen Sie, wie oft sie die Aussage wirklich trägt. Nicht ähnlich klingt: trägt.
  • Drittens, dauerhaft. Trennen Sie Erregung und Urteil. Feste Zeit, feste Quelle, nicht zwischendurch und nicht abends im Bett.

Und wenn Sie jemanden kennen, dessen Telefon aufgehört hat zu klingeln: Rufen Sie an. Das ist der wirksamste Punkt auf dieser Liste. Er steht in keiner Studie.

Was anders gelaufen wäre

Zurückgeholt hat ihn kein Argument.

Ein alter Kollege rief an. Ein Projekt, zwei Tage die Woche, schlecht bezahlt. Er sagte zu.

Danach brauchte er weniger Erklärung für die Welt. Er wurde ja wieder gebraucht.

Das Handy hat er nicht abgeschafft. Er hat drei Dinge geändert. Nachrichten nur morgens, zwanzig Minuten. Keine Kommentarspalten. Und bei jeder Zahl, die ihn wütend macht, sucht er die Quelle, bevor er sie weitererzählt.

Nach einem halben Jahr sagte er einen Satz, der alles zusammenfasst. Ich habe meine Meinung nicht geändert. Ich kann wieder sagen, woher ich sie habe.

Dann hat er seine Tochter angerufen.

Es geht nicht darum, was Sie denken. Es geht darum, ob Sie noch prüfen können, während Sie es denken.

Für wen dieser Text nicht gilt

Wer sein Handy vor allem für Kalender, Karten und Nachrichten an Menschen nutzt, steht kaum im Regen. Wer Nachrichten aktiv sucht, statt sich ausspielen zu lassen, ebenfalls nicht.

Die Grenze dieses Textes

Es gibt keine Studie, die belegt, dass Bildschirmzeit politische Urteilsbildung kausal verändert. Belegt sind drei einzelne Glieder: Stress schaltet um, Negativität wird belohnt, die Dosis ist hoch. Die Kette dazwischen ist plausibel. Bewiesen ist sie nicht.

Teil 2 von 2

Was derselbe Schaltvorgang im Depot kostet

Bis hierher ging es um eine Familie. Im zweiten Teil geht es um Geld. Denn die Abfindung meines Werkleiters lag die ganze Zeit über in einem Depot. Und es kam ein Tag, an dem er verkaufen wollte.

Was das kostet, wird gern in großen Zahlen erzählt. Die bekannteste davon halte ich für falsch – und ich zeige Ihnen die Studie, die sie widerlegt. Die eigentliche Zahl ist kleiner. Und deutlich unangenehmer.

Quellen & Belege

Alle Fundstellen am 3. und 5. September 2026 geöffnet.

  1. Arnsten, A. F. T. (2009): Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience 10, 410–422 · nature.com/articles/nrn2648
    Milder unkontrollierbarer Stress kostet präfrontale Denkleistung; die Steuerung wandert zu Amygdala und Striatum.
  2. Datta, D. / Arnsten, A. F. T. (2019): Brain Sciences 9(5), 113 · doi.org/10.3390/brainsci9050113
    Wechsel vom reflektierenden in den reflexhaften Zustand, Rolle der Katecholamine.
  3. Robertson, C. E. et al. (2023): Negativity drives online news consumption. Nature Human Behaviour 7(5) · nature.com/articles/s41562-023-01538-4
    Je negatives Wort in der Schlagzeile 2,3 % mehr Klicks, je positives 1,0 % weniger; rund 105.000 Varianten, über 370 Mio. Einblendungen.
  4. Vosoughi, S. / Roy, D. / Aral, S. (2018): The spread of true and false news online. Science 359(6380) · science.org/doi/10.1126/science.aap9559
    Falschmeldungen 70 % häufiger weitergegeben; die Wahrheit brauchte sechsmal so lange bis zu 1.500 Menschen; rund 126.000 Verbreitungsketten.
  5. Bitkom: Presseinformation vom 5. März 2026, Befragung von 1.006 Personen ab 16 Jahren · bitkom.org
    180 Minuten Smartphone-Nutzung täglich, 216 Minuten bei 16- bis 29-Jährigen, rund 150 Minuten im Jahr 2024.
  6. Beisch, N. / Koch, W.: ARD/ZDF-Onlinestudie, Media Perspektiven · ard-zdf-onlinestudie.de
    Mediale Internetnutzung 2018 rund 100 Minuten, 2021 rund 136 Minuten täglich.
  7. Leipziger Autoritarismus-Studie, Welle 2020 (Decker, O. / Brähler, E.), Universität Leipzig — Werte referiert nach belltower.news vom 19. November 2020
    Verschwörungsmentalität 2018 30,8 %, 2020 38,4 %; Ostdeutschland 34,5 % auf 51,4 %.
  8. Uscinski, J. et al. (2022): Have beliefs in conspiracy theories increased over time? PLOS ONE 17(7), e0270429 · journals.plos.org
    52 Verschwörungstheorien, USA und sechs europäische Länder: kein systematischer Anstieg über die Zeit.
  9. Enders, A. et al. (2023): The Relationship Between Social Media Use and Beliefs in Conspiracy Theories and Misinformation. Political Behavior 45, 781–804 · link.springer.com
    Social-Media-Nutzung verstärkt vorhandene Verschwörungsneigung, erzeugt sie nicht.
  10. MIDEM, TU Dresden / YouGov: Polarisierungsbarometer 2025, 4.384 Befragte, Erhebung 12.–27. Februar 2025 · forum-midem.de
    81 % nehmen die Gesellschaft als gespalten wahr; stärkste ideologische Polarisierung bei Klimaschutz, Ukraine und Integration; höchste affektive Polarisierung bei Anhängern von AfD und Grünen.
  11. YouGov / SINUS-Institut: Befragung zum Tag der Freundschaft, Juli 2022 · yougov.de
    Jeder Fünfte in Deutschland hat Freunde wegen unterschiedlicher Meinungen zu Corona verloren.
  12. Bindler, A. / Walther, H. (2025): DIW Wochenbericht 30/2025, 23. Juli 2025, Datengrundlage SOEP v40 und PKS · diw.de
    Kriminalitätsfurcht 2014 bis 2017 von 31 auf 47 % gestiegen, während die Straftatenzahlen fielen.
  13. BKA / BMI: Polizeiliche Kriminalstatistik 2025, vorgestellt am 20. April 2026 · bka.de
    Straftaten 2025 minus 5,6 %, Gewaltkriminalität minus 2,3 % und damit erstmals seit 2021 rückläufig.
  14. BMI / BKA: Politisch motivierte Kriminalität 2025, veröffentlicht Juni 2026 · bmi.bund.de
    Politisch motivierte Kriminalität 2025 mit 85.837 Fällen auf Höchststand.

Der geschilderte Fall ist ein typisiertes Szenario aus meiner Zielgruppe, kein Mandantenfall. Er ist bewusst zugespitzt; alle Einzelteile stammen aus der Lebenswelt der Zielgruppe. Namen, Zitate und Einzelheiten sind erfunden, die zitierten Studien und Statistiken sind es nicht. Dieser Beitrag ist ein Sachbeitrag und enthält keine Anlage-, Steuer-, Rechts- oder medizinische Beratung.