Teil 2 von 2 · Fortsetzung von „Entscheidungen unter Stress“
Was Angst im Depot wirklich kostet
Die bekannteste Zahl zu diesem Thema halte ich für falsch. Hier ist die Studie, die sie widerlegt – und die Zahl, die stattdessen gilt. Sie ist kleiner. Und sie trifft genau die Falschen.
Erschienen am 5. September 2026 · Lesedauer rund 10 Minuten · Markus Feistle, Strategischer Finanzarchitekt
Dortmund & Metropole Ruhr · persönlich oder online · Beratung unter dem Haftungsdach der MLP Banking AG
Im ersten Teil ging es um einen Werkleiter, der nach einer Restrukturierung in vier Jahren verlernte, Zahlen zu prüfen. Um einen Schaltvorgang im Gehirn, der unter Stress das Abwägen leiser stellt. Und um einen Küchentisch, an dem am Ende niemand mehr saß. (Teil 1 nachlesen)
Jetzt geht es um sein Geld.
Denn seine Abfindung lag die ganze Zeit über in einem Depot. Und es kam ein Tag, an dem er verkaufen wollte.
Eine Fallgeschichte
Der Anruf am Dienstagmorgen
Ein Fall, wie er im Revier immer wieder vorkommt. Zugespitzt, aber in jedem Einzelteil vertraut.
Es ist ein Dienstag im Frühjahr. Die Kurse waren über Nacht gefallen, und über Nacht heißt: Er hatte es um halb sechs auf dem Telefon.
Um Viertel nach sechs hatte er drei Videos gesehen. Um sieben stand für ihn fest, dass es diesmal anders ist.
Er ruft an. Er sagt: Ich will raus. Komplett.
Nicht: Was meinen Sie? Sondern: Ich will raus.
Das ist derselbe Mann, der dreißig Jahre lang kein Bauteil freigegeben hat, ohne das Messprotokoll gesehen zu haben.
Er hatte in achtzig Minuten eine Entscheidung getroffen, für die er beruflich drei Angebote und zwei Wochen gebraucht hätte.
Die meistzitierte Zahl
Die Zahl, die Sie überall lesen
Wenn es darum geht, was solche Momente kosten, wird meist eine einzige Untersuchung zitiert.
Morningstar veröffentlicht jährlich eine Studie mit dem Titel „Mind the Gap“. Sie vergleicht zwei Renditen: die Rendite, die ein Fonds erzielt hat, und die Rendite, die der durchschnittliche investierte Euro tatsächlich erlebt hat. Der Unterschied entsteht, weil Anleger zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein- und aussteigen.
| Größe | Wert pro Jahr |
|---|---|
| Rendite der Fonds | 8,2 % |
| Rendite des durchschnittlichen investierten Dollars | 7,0 % |
| Lücke | 1,2 Prozentpunkte – rund 15 % der Rendite |
Diese Zahl ist ein Geschenk für jeden, der Ihnen etwas verkaufen will. Sie ist groß, sie ist einprägsam, und sie sagt: Sie sind das Problem.
Und die Studie, die sie widerlegt
Im Frühjahr 2026 erschien im Financial Analysts Journal eine Untersuchung von Jon Fulkerson, Bradford Jordan, Timothy Riley und Qing Yan. Titel: „Bad Timing Does Not Cost Investors 15% of Their Funds’ Returns.“
Die vier haben denselben Datensatz verwendet. Denselben. Und sie kommen zu einem anderen Ergebnis.
Ihr Befund: Schlechtes Timing kostet Fondsanleger 0,10 Prozent pro Jahr.
Nicht 1,2 Prozent. Null Komma eins.
Zwei Untersuchungen, ein Datensatz, ein Unterschied um den Faktor zwölf. Wer eine der beiden Zahlen nennt, ohne die andere zu erwähnen, verkauft etwas.
Der Kern der Kritik ist methodisch. Morningstar deutet jede Kapitalbewegung als Timing-Entscheidung. Wer aber monatlich einzahlt und im Ruhestand entnimmt, trifft keine Timing-Entscheidung – er lebt einfach. Ein wachsender Fonds hat zwangsläufig mehr Geld in späteren Jahren als in früheren. Das erzeugt rechnerisch eine Lücke, ohne dass jemand einen Fehler gemacht hätte.
Ich halte die Kritik für überzeugend. Und damit fällt das bequemste Argument meiner Branche weg.
Die Zahl, die trägt
Nicht das Timing kostet. Das Handeln kostet.
Wenn die große Zahl nicht trägt, wird es interessant. Denn es gibt eine zweite, ältere, und die ist seit 25 Jahren unangefochten.
Brad Barber und Terrance Odean werteten die Depots von 66.465 Haushalten bei einem großen Discount-Broker aus, von Februar 1991 bis Januar 1997. Sie sortierten die Haushalte nach Handelsaktivität.
| Gruppe | Rendite p. a. | Rückstand |
|---|---|---|
| Der Markt | 17,9 % | — |
| Durchschnittlicher Haushalt | 16,4 % | 1,5 Prozentpunkte |
| Das aktivste Fünftel über 250 % Depotumschlag im Jahr | 11,4 % | 6,5 Prozentpunkte – 36 % der Marktrendite |
Vor Kosten waren beide Gruppen praktisch gleich gut. Der Unterschied entstand nicht beim Auswählen. Er entstand beim Handeln.
Und was der Schaltvorgang aus Teil 1 erzeugt, ist genau das: den Drang zu handeln.
Warum das gerade Sie betrifft
Jetzt kommt die unangenehme Wendung.
Die Barber-Odean-Zahl gilt nicht für den Durchschnitt. Der Durchschnitt verlor 1,5 Prozentpunkte, und damit kann man leben. Die 6,5 Prozentpunkte trafen das aktivste Fünftel – Haushalte mit über 250 Prozent Depotumschlag im Jahr.
Wer landet in diesem Fünftel? Nicht die Gleichgültigen. Die Interessierten. Die, die viel lesen, viel verfolgen und das Gefühl haben, informiert zu sein.
Das ist Ihre Gruppe. Und meine.
Die deutsche Gegenprobe zeigt dasselbe von der anderen Seite. Nach dem Crash im Frühjahr 2020 sind die Aktionärszahlen nicht gefallen, sondern gestiegen. Von 9,653 Millionen im Jahr 2019 auf 12,350 Millionen im Jahr 2020. Rund eine halbe Million davon geht auf eine geänderte Erhebungsmethode zurück, der Rest nicht.
Die Masse ist also nicht panisch ausgestiegen. Im Gegenteil.
Der Schaden ist nicht kollektiv. Er ist individuell. Und er trifft nicht die Ahnungslosen, sondern die Beschäftigten.
Warum Willenskraft nicht funktioniert
Die naheliegende Antwort lautet: Dann reiß dich eben zusammen.
Das funktioniert nicht, und der Grund steht in Teil 1. Genau die Funktion, die Sie im entscheidenden Moment bräuchten – abwägen, prüfen, Widersprüche aushalten – ist in diesem Moment gedämpft. Sie versuchen, ein Werkzeug zu benutzen, das gerade weggeschlossen ist.
Was funktioniert, ist eine Regel, die schon dasteht, bevor der Moment kommt.
Das Werkzeug
Die Regel passt auf eine Seite
Drei Teile. Handschriftlich reicht.
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Teil 1
Der Auslöser
Woran erkennen Sie, dass Sie im erregten Zustand sind? Nicht abstrakt, sondern konkret. Bei den meisten ist es ein Verhalten: Man liest dieselbe Meldung dreimal. Man greift vor dem Aufstehen zum Telefon. Man will jemanden anrufen und weiß noch nicht, was man sagen will. Schreiben Sie Ihr Zeichen auf. Sie kennen es.
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Teil 2
Die Wartezeit
Ein fester Zeitraum zwischen Nachricht und Handlung. Formulieren Sie ihn als Satz, nicht als Vorsatz: „Ich verkaufe nichts innerhalb von 48 Stunden nach einer Nachricht.“ Die 48 Stunden sind ein gesetzter Wert, keine Studienzahl. Jeder feste Zeitraum ist besser als keiner. Er holt die Entscheidung aus dem Zustand heraus, in dem sie sonst fiele.
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Teil 3
Die Zweitstimme
Eine Person, die Sie anrufen, bevor Sie mehr als einen festgelegten Anteil Ihres Vermögens bewegen. In der Regel steht ein Name und eine Nummer. Nicht „jemand“. Ein Name.
Dazu eine vierte Zeile, die nichts mit Geld zu tun hat und trotzdem hierher gehört: Ich teile keine Zahl, die ich nicht selbst geöffnet habe.
Schreiben Sie die Regel an einem ruhigen Tag. An einem lauten kommen Sie nicht mehr dazu.
Was aus dem Dienstagmorgen wurde
Er hat nicht verkauft.
Nicht, weil ich ihn überzeugt hätte. Argumente wirken in diesem Zustand nicht, das war der ganze erste Teil dieses Textes.
Sondern weil wir zwei Jahre vorher etwas aufgeschrieben hatten. Eine Seite. Auslöser, Wartezeit, Zweitstimme. Er hatte sie halb belustigt unterschrieben, so wie man eine Patientenverfügung unterschreibt.
Am Dienstag habe ich ihn an seinen eigenen Satz erinnert. 48 Stunden.
Am Donnerstag rief er zurück. Er sagte: Vergessen Sie Dienstag.
Ich habe ihn nicht überzeugt. Er hatte sich selbst überzeugt – zwei Jahre vorher, in einem Zustand, in dem er dazu noch in der Lage war.
Was dagegen spricht
Drei Dinge, damit Sie mich einordnen können.
- Erstens: Die Barber-Odean-Zahlen stammen aus den Neunzigerjahren. Handelskosten waren damals höher als heute. Ein Teil der 6,5 Prozentpunkte ist Gebühr, nicht Verhalten. Der Befund selbst – mehr Handel, weniger Rendite – ist seither vielfach bestätigt worden, aber die Größenordnung ist zeitgebunden.
- Zweitens: Vergangene Renditen sagen nichts über künftige. Alle genannten Zahlen sind Auswertungen historischer Zeiträume, keine Prognose.
- Drittens: Ich habe hier ein Argument für Beratung vorgetragen und bin Berater. Nehmen Sie es entsprechend. Die Regel auf einer Seite können Sie ohne mich schreiben, und wenn Sie das tun, haben Sie den größten Teil des Nutzens ohne Rechnung.
Für wen das nicht gilt
Wer ohnehin selten handelt, verliert wenig. Wer monatlich automatisch einzahlt und sonst nichts tut, gehört nicht in das aktivste Fünftel und wird auch nicht dort landen.
Und wer sein Geld in den nächsten drei Jahren braucht, hat ein ganz anderes Problem als seine Nerven. Der hat ein Fristenproblem, und das gehört gerechnet, nicht besprochen.
30 Minuten, wenn Sie mögen
Ich biete Ihnen ein Erstgespräch von 30 Minuten an – telefonisch oder per Video. Es kostet nichts und verpflichtet zu nichts.
Bringen Sie eine Frage mit: Was steht bei Ihnen schriftlich, wenn es laut wird? Wenn die Antwort „nichts“ lautet, ist das kein Vorwurf. Es ist der Normalfall, auch bei Menschen, die beruflich jede Toleranz prüfen.
Mehr passiert in diesen 30 Minuten nicht. Kein Produkt, kein Abschluss, keine Unterlagen.
- Rufen Sie an: 0231 91409119
- Oder schreiben Sie mir zwei Sätze an markus.feistle@mlp.de
Ich melde mich persönlich.
Quellen & Belege
Alle Fundstellen am 5. September 2026 geöffnet.
- Ptak, J. / Arnott, A. / Chidurala, N. / Manetta, M.: Mind the Gap 2025.
Morningstar, 13. August 2025 ·
morningstar.com
Fondsrendite 8,2 % gegenüber Anlegerrendite 7,0 % pro Jahr, Lücke 1,2 Prozentpunkte oder rund 15 % der Rendite; zehn Jahre bis 31.12.2024, 25.848 US-Fonds und ETFs. - Fulkerson, J. A. / Jordan, B. D. / Riley, T. B. / Yan, Q. (2026):
Bad Timing Does Not Cost Investors 15% of Their Funds’ Returns: An Examination of
Morningstar’s „Mind the Gap“ Study. Financial Analysts Journal 82(3) ·
rpc.cfainstitute.org
Dieselben Daten, anderes Ergebnis: schlechtes Timing kostet Fondsanleger 0,10 % pro Jahr. - Barber, B. M. / Odean, T. (2000): Trading Is Hazardous to Your Wealth.
The Journal of Finance 55(2), 773–806 ·
faculty.haas.berkeley.edu/odean
66.465 Haushalte, Februar 1991 bis Januar 1997: Markt 17,9 % p. a., Durchschnittshaushalt netto 16,4 %, aktivstes Fünftel netto 11,4 % bei über 250 % Depotumschlag. Vor Kosten kaum Unterschied zwischen den Gruppen. - Deutsches Aktieninstitut: Aktionärszahlen, Erhebung durch Kantar mit
rund 28.000 Befragten jährlich ·
dai.de
2019: 9,653 Mio. (15,2 %), 2020: 12,350 Mio. (17,5 %). Ab 2020 werden auch Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft befragt; darauf entfallen rund 500.000 Personen.
Die Quellen zu Hirnforschung, Klickraten und Mediennutzung stehen am Fuß von Teil 1.
Der geschilderte Fall ist ein typisiertes Szenario aus meiner Zielgruppe, kein Mandantenfall. Namen, Zitate und Einzelheiten sind erfunden, die zitierten Studien sind es nicht. Alle genannten Renditen sind Auswertungen historischer Zeiträume und lassen keinen Schluss auf künftige Entwicklungen zu. Kursverluste sind möglich, auch ein Totalverlust ist bei Aktienanlagen nicht ausgeschlossen. Dieser Beitrag ist ein Sachbeitrag und enthält keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.
