ETF – Die verkannte Anlagestrategie · Teil 5 von 7
ETF Systemrisiko: Was passiert, wenn alle passiv investieren?
Das stille Risiko – Was passiert, wenn 15 Millionen Anleger dasselbe tun?
Serie: ETF – Die verkannte Anlagestrategie | Teil 5 von 7 | Von Markus Feistle
Lesezeit: ca. 7 Minuten | Themen: ETF-Risiko, Systemrisiko, Passive Investing,
Flash Crash, Liquidität
Der Moment, in dem alles stimmt – und trotzdem nicht stimmt
Ein Fall, wie er im Revier immer wieder vorkommt.
Thomas, 47, Ingenieur aus Essen, spart seit acht Jahren in einen ETF-Sparplan. 300 Euro im Monat, automatisch, diszipliniert. Die Depotauszüge der letzten Jahre zeigen nach oben. Thomas macht alles richtig: diversifiziert, kostengünstig, langfristig.
Im August 2015 schaut er morgens auf sein Smartphone. Sein ETF auf den S&P 500 steht 31 Prozent im Minus. Der Index selbst? Sieben Prozent.
Thomas versteht das nicht. Wie kann ein Fonds auf einen Index so viel stärker fallen als der Index selbst?
Die Antwort hat nichts mit seinem ETF zu tun. Sie hat mit den 15 Millionen zu tun, die dasselbe halten wie er.
Das Systemrisiko des Erfolgs
ETFs sind so erfolgreich, dass ihr Erfolg ein strukturelles Problem erzeugt. Drei Mechanismen greifen ineinander – und keiner davon ist Thomas allein zuzurechnen.
1. Die Rückkopplungsschleife
Wenn Geld in einen ETF fließt, kauft der Anbieter automatisch die enthaltenen Aktien. Mehr Zuflüsse bedeuten mehr Käufe – unabhängig davon, ob die Aktien günstig oder teuer bewertet sind. Das treibt die Preise der enthaltenen Titel weiter nach oben. Was die Preise nach oben treibt, erzeugt bessere Depotauszüge. Was bessere Depotauszüge erzeugt, zieht neue Zuflüsse an.
Berenberg Research beschreibt diesen Mechanismus in einer 2023 veröffentlichten Analyse: Ab einem Marktanteil von etwa zwei Dritteln passiver Investoren steigt die Volatilität systematisch. Die Schwelle ist noch nicht erreicht – in Deutschland liegt der passive Anteil aktuell bei schätzungsweise 40 bis 50 Prozent, global tendenziell höher. Aber die Richtung ist eindeutig. (Green, Krishnan & Sturm, zitiert nach Berenberg Research)
2. Die Korrelationsfalle
Ein ETF auf den MSCI World enthält rund 1.400 Unternehmen aus 23 Ländern – Technologie, Gesundheit, Industrie, Energie. In normalen Marktphasen entwickeln sich diese Sektoren unterschiedlich.
In einer Krise gilt das nicht. Wenn Anleger verkaufen, verkaufen sie das, was sie haben – und das ist der ETF. Damit verkaufen sie gleichzeitig Microsoft, Nestlé, ASML und Rio Tinto. Die Korrelation zwischen eigentlich unabhängigen Unternehmen steigt im Stress gegen eins.
Der ESMA-Risikobericht 2026 beschreibt diesen Befund als aktive Beobachtung: „Rising price correlations across asset classes“ sei ein zentrales Risikosignal für 2026. Die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA nennt außerdem gestiegene Settlement-Fails bei ETFs im April 2026 – konkret: die zentralen Verwahrstellen verzeichneten eine Häufung von Lieferverzögerungen, als Marktvolatilität zunahm. (ESMA: EU financial markets enter 2026 amid high-risk environment, Januar 2026)
3. Die Liquiditätsillusion
ETFs versprechen börsentägliche Handelbarkeit. Das stimmt – solange der Markt funktioniert.
Am 24. August 2015 funktionierte er für 45 Minuten nicht. Der S&P 500 fiel an diesem Tag um 7 Prozent. Mehrere ETFs auf denselben Index wurden gleichzeitig mit einem Abschlag von 32 Prozent auf den Nettoinventarwert gehandelt.
| Nettoinventarwert des ETF | 100 |
| Handelskurs an der Börse | 68 |
| Differenz | –32 Prozent – in 45 Minuten |
Während der zugrunde liegende Index um 7 Prozent fiel.
Wer in diesem Moment nicht verkaufen musste, hat nichts verloren. Wer verkaufen musste – weil die Margin-Anforderung stieg, weil Panik regierte, weil kein Market Maker mehr quotierte –, hat zu Kursen verkauft, die nichts mit dem Wert der Unternehmen im ETF zu tun hatten.
Was dagegen spricht – die stärkste Gegenquelle
„Der Anstieg passiven Investierens hat die Marktvolatilität bislang nicht wesentlich erhöht. ETFs verbessern die Liquidität auch in Stressphasen.“ – Vanguard Research / Morningstar-Studie 2019
Diese Einschätzung ist nicht falsch – sie bezieht sich auf die Lage 2019, als passive Anteile noch deutlich niedriger waren. Das Argument gilt: Systemrisiken sind kein ETF-spezifisches Phänomen. Anleihen, Hedgefonds, Banken – alle können Systemrisiken erzeugen. Aber der Befund, dass ETFs das Problem nicht erzeugt haben, sagt noch nichts darüber aus, ob sie es bei einem Marktanteil von 60 oder 70 Prozent erzeugen werden.
Was Thomas heute anders machen kann – drei Schritte
Dieses Risiko ist kein Argument gegen ETFs. Es ist ein Argument für informiertes Handeln.
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Sparplan-Logik prüfen: Wer monatlich kauft, kauft im Flash Crash automatisch günstiger. Der Sparplan ist strukturell im Vorteil gegenüber Einmalinvestitionen in volatilen Phasen.
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Liquiditätspuffer definieren: Eine Cash-Reserve von drei bis sechs Monatsausgaben außerhalb des Depots sorgt dafür, dass Sie im Abschwung nicht verkaufen müssen. Der entscheidende Fehler im Flash Crash war nicht das Halten von ETFs – sondern das erzwungene Verkaufen.
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Handelszeiten beachten: ETFs handeln effizienter, wenn der zugrunde liegende Markt geöffnet ist. Ein MSCI-World-ETF bildet vorwiegend US-Titel ab. Wer zwischen 15:30 und 22:00 Uhr handelt, vermeidet einen Strukturnachteil: In der Vor-Öffnungsphase kann der Market Maker den fairen Preis schlechter bestimmen, weil er die aktuellen Kurse der Einzeltitel nicht kennt.
Für wen das nicht gilt
Wer einen Anlagehorizont von unter drei Jahren hat, für den ist das Liquiditätsrisiko real und unmittelbar. ETFs sind kein Instrument für Kapital, das kurzfristig gebraucht wird.
Was wäre anders gelaufen – für Thomas
Thomas hätte in diesem Szenario seinen ETF an jenem Morgen nicht verkaufen müssen. Wäre er nicht verkauft, hätte er nichts verloren.
Der Fehler geschieht nicht beim Kauf. Er geschieht in dem Moment, in dem jemand gezwungen ist zu verkaufen. Das ist fast immer kein Anlagefehler, sondern ein Liquiditätsfehler. Der Puffer fehlte.
Zugespitzt, aber in jedem Einzelteil vertraut: Thomas hat seinen ETF-Sparplan durchgehalten. Er hat nicht verkauft. Heute ist sein Depot doppelt so viel wert wie im August 2015. Die 15 Millionen, die dasselbe taten – und ruhig blieben – auch.
Das Ergebnis
- Systemrisiken bei ETFs existieren – sie werden in der Praxis oft unterschätzt.
- Der Flash Crash 2015 zeigt: Handelskurs und Fondswert können kurzfristig deutlich auseinanderfallen.
- Die Lösung ist keine andere Anlageform – sondern das Wissen, wann man nicht handeln muss.
- Ein Liquiditätspuffer und ein Sparplan schützen vor dem häufigsten ETF-Fehler: erzwungenem Verkaufen.
Was dieser Beitrag nicht leistet – Red-Team-Befund
Der Flash Crash 2015 ist dokumentiert, aber kein Beweis für systemische Instabilität. Er wurde durch spezifische Marktstrukturprobleme ausgelöst (fehlerhafte Sicherungen an der NYSE), nicht durch ETFs allein. Die Forschung zu passiven Schwellen ist umstritten: Welcher Anteil genau kritisch wird, ist empirisch noch nicht abschließend geklärt. Dieser Beitrag zeigt ein Risikoszenario – kein Wahrscheinlichkeitsurteil.
Teil 6: ETFs im Abschwung
Im nächsten Teil: Was passiert mit Ihrem ETF, wenn die Börsen 40 Prozent fallen? Und warum zeigt eine Strategie im Abschwung ihren wahren Charakter – nicht im Aufschwung.
Erscheint am 17. September 2026.
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Markus Feistle ist strategischer Finanzarchitekt mit 25 Jahren Erfahrung. Er berät Ingenieure, Führungskräfte und Unternehmer im Ruhrgebiet zu Vermögensstrukturierung und Altersvorsorge.
Quellen
- ESMA: „EU financial markets enter 2026 amid high-risk environment“, Januar 2026. Abrufbar unter: esma.europa.eu. Abgerufen September 2026.
- Berenberg Research: „Je passiver, desto problematischer?“ Unter Verweis auf Green, Krishnan & Sturm. Berenberg.de. Abgerufen September 2026.
- Flash Crash 24. August 2015: Dokumentiert u.a. durch SEC/CFTC sowie Handelsblatt, FAZ und Bloomberg. Kursdaten historisch belegt.
- Vanguard Research / Morningstar 2019: Studie zur Marktvolatilität und passivem Investieren. Zitiert als Gegenquelle.
Disclaimer: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Für persönliche Empfehlungen wenden Sie sich an einen zugelassenen Berater. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
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