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ETF – Die verkannte Anlagestrategie · Teil 5 von 7

ETF-Systemrisiken: Was passiert, wenn alle passiv investieren?

Das stille Risiko – Was passiert, wenn 4,7 Millionen Anleger dasselbe halten?

Serie: ETF – Die verkannte Anlagestrategie | Teil 5 von 7 | Von Markus Feistle
Lesezeit: ca. 7 Minuten | Themen: ETF-Risiko, Systemrisiko, Passive Investing, Flash Crash, Liquidität

Eine dichte Menschenmenge mit ETF-Mützen und Schildern wie „Alle machen es!“, „Buy & Hold“ und „Sicher ist sicher – ETF!“ drängt sich lachend an die Kante einer steilen Schlucht. Darüber die Zeile „Wenn sich alle sicher fühlen, dann muss es nicht sicher sein!“, unten ein Holzschild: 100 Anleger, 100 Meinungen, 1 Gefühl: SICHER!

Der Moment, in dem alles stimmt – und trotzdem nicht stimmt

Ein Fall, wie er im Revier immer wieder vorkommt.

Thomas, 47, Ingenieur aus Essen, spart seit acht Jahren in einen ETF-Sparplan. 300 Euro im Monat, automatisch, diszipliniert. Die Depotauszüge der letzten Jahre zeigen nach oben. Thomas macht alles richtig: diversifiziert, kostengünstig, langfristig.

Im August 2015 schaut er morgens auf sein Smartphone. Sein ETF auf den S&P 500 steht tief im Minus – deutlich tiefer als der Index selbst.

Thomas versteht das nicht. Wie kann ein Fonds auf einen Index so viel stärker fallen als der Index selbst?

Die Antwort hat nichts mit seinem ETF zu tun. Sie hat mit den 4,7 Millionen zu tun, die dasselbe halten wie er.

Das Systemrisiko des Erfolgs

ETFs sind so erfolgreich, dass ihr Erfolg ein strukturelles Problem erzeugt. Drei Mechanismen greifen ineinander – und keiner davon ist Thomas allein zuzurechnen.

1. Die Rückkopplungsschleife

Wenn Geld in einen ETF fließt, kauft der Anbieter automatisch die enthaltenen Aktien. Mehr Zuflüsse bedeuten mehr Käufe – unabhängig davon, ob die Aktien günstig oder teuer bewertet sind. Das treibt die Preise der enthaltenen Titel weiter nach oben. Was die Preise nach oben treibt, erzeugt bessere Depotauszüge. Was bessere Depotauszüge erzeugt, zieht neue Zuflüsse an.

Green, Krishnan und Sturm haben das im März 2026 durchgerechnet. Ihr Modell sagt: Ab einem passiven Marktanteil um 65 Prozent kann die Volatilität eines Index stark ansteigen. Berenberg hat die Arbeit aufgegriffen und spricht von etwa zwei Dritteln. Zwei Dinge gehören dazu: Es ist ein Modell, keine Messung. Und es ist ein Arbeitspapier, das noch kein Fachgutachten durchlaufen hat.

Wo Deutschland steht, lässt sich belegen. Vom Vermögen, das deutsche Anleger in Aktienfonds halten, stecken zur Jahresmitte 2026 45 Prozent in ETFs. Beim frischen Geld liegt der Anteil höher: Von 51,8 Milliarden Euro, die im ersten Halbjahr 2026 in Publikumsfonds flossen, gingen 33,9 Milliarden in Aktien-ETFs. Das sind knapp zwei Drittel.

Die eine Zahl sagt, wo wir stehen. Die andere, wohin es geht. Beide messen Verschiedenes – Bestand ist nicht Zufluss –, und keine von beiden ist genau die Größe, die das Modell meint. Die Richtung ist trotzdem schwer zu übersehen.

2. Die Korrelationsfalle

Ein ETF auf den MSCI World enthält 1.280 Unternehmen aus 23 Ländern – Stand 31. August 2026, Technologie, Gesundheit, Industrie, Energie. In normalen Marktphasen entwickeln sich diese Sektoren unterschiedlich.

In einer Krise gilt das nicht. Wenn Anleger verkaufen, verkaufen sie das, was sie haben – und das ist der ETF. Damit verkaufen sie gleichzeitig Microsoft, Nestlé, ASML und Rio Tinto. Die Korrelation zwischen eigentlich unabhängigen Unternehmen steigt im Stress gegen eins.

Die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA beschreibt diesen Befund als aktive Beobachtung: „Rising price correlations across asset classes“ erhöhten das Ansteckungsrisiko. Sie nennt außerdem gestiegene Settlement-Fails bei ETFs im April 2025 – konkret: die zentralen Verwahrstellen verzeichneten eine Häufung von Lieferverzögerungen, als die Marktvolatilität zunahm. (ESMA, EU financial markets enter 2026 amid high-risk environment, 11. März 2026, zum TRV Risk Monitor 1 2026)

3. Die Liquiditätsillusion

ETFs versprechen börsentägliche Handelbarkeit. Das stimmt – solange der Markt funktioniert.

Am 24. August 2015 funktionierte er in den ersten Minuten nach Handelsbeginn nicht. Der S&P 500 fiel an diesem Tag um 5,2 Prozent. Am selben Tag verloren 36,6 Prozent aller börsengehandelten Indexprodukte mehr als 10 Prozent, 19,2 Prozent von ihnen mehr als 20 Prozent. Der Kurs an der Börse und der Wert der enthaltenen Aktien hatten für einige Minuten nichts mehr miteinander zu tun.

Die Zahl, die alles dreht:
Der Index an diesem Tag–5,2 Prozent
Jedes fünfte Produkt darauf–20 Prozent und mehr
Handelsunterbrechungen1.278 – davon 1.058 in 327 solcher Produkte

Der Index verliert 5 Prozent, jedes fünfte Produkt darauf verliert 20 – und vier von fünf Handelsunterbrechungen des Tages treffen genau diese Produkte. (US-Börsenaufsicht SEC, Research Note, Dezember 2015)

Wer in diesem Moment nicht verkaufen musste, hat nichts verloren. Wer verkaufen musste – weil die Margin-Anforderung stieg, weil Panik regierte, weil kein Market Maker mehr quotierte –, hat zu Kursen verkauft, die nichts mit dem Wert der Unternehmen im ETF zu tun hatten.

Was dagegen spricht – die stärkste Gegenquelle

„Setting the record straight: Truths about indexing“ – Vanguard Research, August 2026

Vanguard hält dagegen. Rowley, Plagge und Ryder-Green zeigen: Das Indexfondsvermögen ist stetig gestiegen, die Volatilität nicht mit. Und wenn sich die Volatilität verdoppelt, steigt das Handelsvolumen einzelner Aktien um 20 bis 25 Prozent. Liquidität ist also da, gerade wenn es ruckelt.

Ein Einwand gehört gleich dazu: Vanguard ist der größte Indexanbieter der Welt. Das Papier ist gut gerechnet, und es ist trotzdem Partei.

Das Argument gilt trotzdem: Systemrisiken sind kein ETF-spezifisches Phänomen. Anleihen, Hedgefonds, Banken – alle können sie erzeugen. Aber der Befund, dass ETFs das Problem bisher nicht erzeugt haben, sagt noch nichts darüber aus, ob sie es bei einem Marktanteil von 60 oder 70 Prozent erzeugen werden.

Was Thomas heute anders machen kann – drei Schritte

Dieses Risiko ist kein Argument gegen ETFs. Es ist ein Argument für informiertes Handeln.

  1. Sparplan-Logik prüfen: Wer monatlich kauft, kauft im Flash Crash automatisch günstiger. Der Sparplan ist strukturell im Vorteil gegenüber Einmalinvestitionen in volatilen Phasen.

  2. Liquiditätspuffer definieren: Eine Cash-Reserve von drei bis sechs Monatsausgaben außerhalb des Depots sorgt dafür, dass Sie im Abschwung nicht verkaufen müssen. Der entscheidende Fehler im Flash Crash war nicht das Halten von ETFs – sondern das erzwungene Verkaufen.

  3. Handelszeiten beachten: ETFs handeln effizienter, wenn der zugrunde liegende Markt geöffnet ist. Ein MSCI-World-ETF bildet vorwiegend US-Titel ab. Wer zwischen 15:30 und 22:00 Uhr handelt, vermeidet einen Strukturnachteil: In der Vor-Öffnungsphase kann der Market Maker den fairen Preis schlechter bestimmen, weil er die aktuellen Kurse der Einzeltitel nicht kennt.

Für wen das nicht gilt

Wer einen Anlagehorizont von unter drei Jahren hat, für den ist das Liquiditätsrisiko real und unmittelbar. ETFs sind kein Instrument für Kapital, das kurzfristig gebraucht wird.

Was wäre anders gelaufen – für Thomas

Thomas hätte in diesem Szenario seinen ETF an jenem Morgen nicht verkaufen müssen. Wäre er nicht verkauft, hätte er nichts verloren.

Der Fehler geschieht nicht beim Kauf. Er geschieht in dem Moment, in dem jemand gezwungen ist zu verkaufen. Das ist fast immer kein Anlagefehler, sondern ein Liquiditätsfehler. Der Puffer fehlte.

Zugespitzt, aber in jedem Einzelteil vertraut: Thomas hat seinen ETF-Sparplan durchgehalten. Er hat nicht verkauft. Heute steht sein Depot deutlich über dem Stand vom August 2015. Die 4,7 Millionen, die dasselbe taten – und ruhig blieben – auch.

Das Ergebnis

  • Systemrisiken bei ETFs existieren – sie werden in der Praxis oft unterschätzt.
  • Der Flash Crash 2015 zeigt: Handelskurs und Fondswert können kurzfristig deutlich auseinanderfallen.
  • Die Lösung ist keine andere Anlageform – sondern das Wissen, wann man nicht handeln muss.
  • Ein Liquiditätspuffer und ein Sparplan schützen vor dem häufigsten ETF-Fehler: erzwungenem Verkaufen.

Was dieser Beitrag nicht leistet – Red-Team-Befund

Der Flash Crash 2015 ist dokumentiert, aber kein Beweis für systemische Instabilität. Er wurde durch spezifische Marktstrukturprobleme ausgelöst (fehlerhafte Sicherungen an der NYSE), nicht durch ETFs allein. Die Forschung zu passiven Schwellen ist umstritten: Welcher Anteil genau kritisch wird, ist empirisch noch nicht abschließend geklärt. Dieser Beitrag zeigt ein Risikoszenario – kein Wahrscheinlichkeitsurteil.

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Zwei Männer, beide 57, beide 500.000 Euro, beide 3.500 Euro Entnahme im Monat. Ein Jahr Unterschied im Start – und bei einem ist das Depot mit 81 leer, beim anderen liegen dann noch 582.353 Euro darin.

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Markus Feistle ist strategischer Finanzarchitekt mit 25 Jahren Erfahrung. Er berät Ingenieure, Führungskräfte und Unternehmer im Ruhrgebiet zu Vermögensstrukturierung und Altersvorsorge.

Quellen

  1. U.S. Securities and Exchange Commission, Staff of the Office of Analytics and Research, Division of Trading and Markets: „Equity Market Volatility on August 24, 2015“. Research Note, Dezember 2015. sec.gov. Abgerufen am 10.09.2026.
  2. ESMA: „EU financial markets enter 2026 amid high-risk environment“, 11. März 2026, zum TRV Risk Monitor 1 2026. esma.europa.eu. Abgerufen am 10.09.2026.
  3. Green, Michael; Krishnan, Hari; Sturm, Stephan: „A Model for Passive That Breaks the Market“. SSRN Working Paper, 18.03.2026, ohne Peer Review. Aufgegriffen von Berenberg Research, Ulrich Urbahn, 30.03.2026. Abgerufen am 10.09.2026.
  4. Vanguard Research, Rowley, Plagge, Ryder-Green: „Setting the record straight: Truths about indexing“, August 2026. Abgerufen am 10.09.2026.
  5. BVI Bundesverband Investment und Asset Management: „Halbjahresbilanz: Fonds verwalten 5.200 Milliarden Euro“, 11.08.2026. Dort die 45 Prozent, die 51,8 und die 33,9 Milliarden Euro. bvi.de. Abgerufen am 10.09.2026.
  6. Deutsches Aktieninstitut: Aktionärszahlen 2025, veröffentlicht am 13.01.2026. Dort die 4,7 Millionen ETF-Besitzer. Abgerufen am 10.09.2026.
  7. MSCI: MSCI World Index Factsheet, Stand 31.08.2026. Dort die 1.280 Unternehmen. msci.com. Abgerufen am 10.09.2026.

Disclaimer: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Für persönliche Empfehlungen wenden Sie sich an einen zugelassenen Berater. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.

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