ETF – Die verkannte Anlagestrategie · Teil 1 von 7
Bevor es ETFs gab – die Welt, die keiner mehr kennt
Note 4,5. Für Ihre Altersvorsorge. 14,5 Millionen Deutsche investieren in Aktien, Fonds und ETFs. Beim ETF-Wissen geben sie sich im Schnitt eine Vier minus. Was, wenn die 56 Prozent, die ihr Wissen selbst für mangelhaft oder ungenügend halten, gerade das Falscheste tun, das man mit dem Richtigen tun kann?
Erschienen am 13. August 2026 · Lesedauer etwa 6 Minuten · Markus Feistle, Strategischer Finanzarchitekt

Es war ein Dienstagabend im März. Ich saß meinem Kunden Thomas gegenüber – Abteilungsleiter in einem großen Maschinenbaukonzern, Anfang 50, technisch brillant. Er hatte gerade sein Depot aufgemacht und strahlte. „Ich hab das jetzt geregelt. Alles in den MSCI World. Die Jungs auf YouTube sagen, das ist die einzige sinnvolle Strategie. Einfach, günstig, unschlagbar."
Ich habe nicht widersprochen. Noch nicht.
Stattdessen habe ich gefragt: „Thomas, weißt du, wie das Produkt funktioniert, das du da kaufst? Nicht das Ergebnis – die Mechanik dahinter. Wer entscheidet, was drin ist? Nach welchen Kriterien? Was passiert mit deinem Geld, wenn der Markt dreht?"
Er schwieg einen Moment länger, als er wollte.
Dann: „Na ja, es bildet halt den Markt ab."
Thomas ist kein Einzelfall. Er ist der Durchschnitt.
Eine Studie. Und eine unbequeme Wahrheit.
Im April 2026 veröffentlichte Franklin Templeton gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Forsa eine Studie, die ich jedem empfehle, der heute über ETFs spricht.
Nur 12 Prozent der ETF-Besitzer bewerteten ihr Verständnis als gut oder sehr gut. Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Diagnose.
Und diese Diagnose hat eine Vorgeschichte – eine, die heute fast niemand mehr kennt. Weil die meisten, die über ETFs reden, nach meiner Erfahrung erst nach 2010 mit dem Investieren angefangen haben.
Die Welt vor dem ETF – eine Welt, die funktioniert hat
Stellen Sie sich vor: Es ist 2003. Sie arbeiten als Fondsmanager bei einer der großen deutschen Investmentgesellschaften. Ihr Team besteht aus sechzehn Analysten. Volkswirte, Branchenspezialisten, Bilanzmathematiker. Ihre Werkzeuge: Konzernberichte, Reuters-Terminals, direkte Gespräche mit Vorständen – Dinge, die Privatanleger schlicht nicht hatten.
Jedes Quartal fahren zwei Kollegen nach Tokio, um mit dem Management eines japanischen Autozulieferers zu sprechen, dessen Zahlen besser aussehen, als der Markt ahnt. Sie beobachten, wie bestimmte Chemikalien in der Produktion eingesetzt werden – ein früher Hinweis auf Margenverbesserungen, lange bevor sie in der GuV auftauchen. Sie lesen Patentanmeldungen. Sie rechnen nach, was andere nicht nachrechnen.
Das nannte sich Fundamentalanalyse. Und sie hatte einen echten Sinn – weil Märkte damals noch nicht vollständig effizient waren. Informationen verbreiteten sich langsamer. Nicht jedes Quartalsergebnis war innerhalb von Millisekunden in jedem Algorithmus eingepreist.
Ein erfahrenes Team konnte tatsächlich einen Wissensvorsprung erarbeiten – und diesen Vorsprung in Rendite umwandeln. Besonders in Märkten, die weniger im Fokus standen: kleinere Unternehmen, Schwellenländer, Nischenbranchen. Hier war aktives Management nicht nur sinnvoll – es war überlegen. Nicht immer. Nicht bei jedem Fonds. Aber unter den richtigen Bedingungen, mit dem richtigen Team, war es ein echtes Handwerk.
Warum das wichtig ist – und warum es trotzdem endete
Aktives Fondsmanagement war kein überholtes Relikt, das zu Recht durch bessere Ideen ersetzt wurde. Es war die rationale Antwort auf reale Marktgegebenheiten. In meiner Erinnerung analysierten Teams aus zwanzig, dreißig, fünfzig Fachleuten täglich das, was Privatanleger weder Zeit noch Zugang hatten zu analysieren.
Der Aufwand war hoch. Die Kosten waren hoch. Und das war, für eine bestimmte Zeit, vollkommen gerechtfertigt – weil der Mehrwert geliefert wurde.
Was dieses System verändert hat, war kein besseres Produkt. Es war ein historisches Ereignis. Ein Datum, das jeder kennt – und dessen tatsächliche Wirkung auf die Finanzwelt kaum jemand vollständig verstanden hat.
Was Thomas wissen sollte – und was die meisten Influencer ihm nicht sagen
Zurück zu Thomas. Am Ende unseres Gesprächs hat er mich gefragt: „Soll ich jetzt aufhören, in ETFs zu investieren?"
Meine Antwort: „Nein. Aber hör auf, in etwas zu investieren, das du nicht verstehst. Nicht weil es falsch ist – sondern weil du dann keine Entscheidung triffst. Du tust nur, was dir jemand gesagt hat."
Ein Ingenieur, der eine Brücke baut, kennt die Lastannahmen. Die Materialspezifikationen. Die Grenzbedingungen. Warum sollte das bei der eigenen Altersvorsorge anders sein?
In dieser Serie beantworte ich genau diese Fragen: Was ist ein ETF wirklich? Wann ist er sinnvoll? Wann nicht? Und was macht den Unterschied zwischen einer Strategie und einem Glücksspiel, das zufällig gut ausgegangen ist?
Bevor Sie weiterlesen: Nehmen Sie sich 60 Sekunden. Schreiben Sie auf, was in Ihrem größten ETF steckt. Nicht den Namen – den Inhalt. Welche Länder, welche Sektoren, wie stark gewichtet.
Wenn Sie es nicht wissen: Das ist der Startpunkt. Nicht der Vorwurf. Genau dort fangen gute Entscheidungen an.
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Erschienen am 20. August 2026 · Teil 2 lesen →Quellen & Belege
- Franklin Templeton / forsa: ETF-Studie 2026 – Hoher Bekanntheitsgrad, geringes Wissen. Erhoben im Februar 2026 unter 1.009 Befragten, veröffentlicht April 2026. Belegt die Note 4,5, die 75 Prozent und die 56 Prozent · presseportal.de
- DAS INVESTMENT: ETFs kaufen ohne zu verstehen – Was Studien über Anleger verraten (2026). Die 14,5 Millionen stammen dort aus der BlackRock-Studie „People & Money“, erhoben mit YouGov im August und September 2025 · dasinvestment.com
- Deutsches Aktieninstitut: Aktionärszahlen 2025, veröffentlicht am 13.01.2026. Zählt 14,1 Millionen Menschen mit Aktien, Aktienfonds oder ETFs und weist 4,7 Millionen ETF-Besitzer gesondert aus. Abgerufen am 10.09.2026
- Eugene F. Fama: Efficient Capital Markets – A Review of Theory and Empirical Work. Journal of Finance 25(2), 1970, S. 383–417
- Inigo Fraser-Jenkins u. a., Sanford C. Bernstein & Co.: „The Silent Road to Serfdom – Why Passive Investing is Worse Than Marxism“, August 2016
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