Markus FeistleStrategischer Finanzarchitekt 30-Minuten-Termin

ETF – Die verkannte Anlagestrategie · Teil 2 von 7

2008: Das Jahr, das alles veränderte – auch Ihr Depot

Von 634 Milliarden auf 23 Billionen Dollar. Und fast niemand fragt warum. 2008 war nicht der Beginn einer Revolution. Es war der Beginn eines politischen Experiments – und ETFs waren zufällig im richtigen Moment am richtigen Ort.

Erschienen am 20. August 2026 · Lesedauer etwa 7 Minuten · Markus Feistle, Strategischer Finanzarchitekt

2008: Das Jahr, das alles veränderte – auch Ihr Depot

Ein Fall, wie er im Revier immer wieder vorkommt.

Es war ein Februarmorgen 2009. Das Telefon klingelte, bevor der erste Kaffee getrunken war. Am anderen Ende: Klaus, Produktionsleiter in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen, Mitte 50. Seine Stimme war flach.

Er habe gerade nachgeschaut, sagte er. Das Depot sei tief im Minus. Was er jetzt machen solle.

An diese Frage erinnere ich mich noch heute. Nicht wegen der Zahl. Die Zahl war real – der MSCI World hatte vom 31. Oktober 2007 bis zum 9. März 2009 rund 58 Prozent verloren, europäische Märkte teilweise noch mehr. Sondern wegen dessen, was danach kam.

Was Klaus nicht wusste – was die meisten nicht wussten – war, dass gerade in diesem Moment die Weichen für den größten Börsenboom der Geschichte gestellt wurden. Nicht durch Wirtschaftswachstum. Nicht durch Unternehmensgewinne. Sondern durch eine geldpolitische Entscheidung, die keine Demokratie je wirklich abgestimmt hat.

Die Zahl, die alles erklärt

634 Mrd. $ Weltweites ETF-Vermögen Ende November 2008 – ein Nischenprodukt für Institutionelle
23,08 Bio. $ Weltweites ETF-Vermögen Mai 2026 – ein Allzeithoch, gut das 36-Fache

Allein im ersten Halbjahr 2026 flossen 1,33 Billionen Dollar neu in ETFs – der höchste jemals gemessene Halbjahreswert. PwC erwartet, dass der Markt bis Juni 2030 auf mindestens 35 Billionen Dollar wächst.

Sehen Sie die Parallele zwischen dem Wachstum des ETF-Markts und der Ausweitung der Zentralbankbilanzen? Das ist kein Zufall.

Jahr Ereignis
2008 Weltweites ETF-Vermögen: ~634 Mrd. USD (Ende November) · Lehman Brothers kollabiert · Fed startet QE1 (25. November)
2009 QE1 läuft: 1,75 Bio. USD Anleihekäufe insgesamt
2012 EZB-Chef Draghi: „Whatever it takes" (26. Juli) – das Versprechen beruhigt die Märkte, die Liquiditätsflut beginnt
2015 EZB weitet ihr Anleihekaufprogramm auf Staatsanleihen aus: 60 Mrd. € im Monat für das gesamte Programm
2020 Covid-Krise: Die Fed-Bilanz wächst binnen 15 Wochen um 3 Bio. USD
2022 Bilanzsumme des Eurosystems erreicht 8,83 Bio. € (17. Juni) · ETF-Markt fällt von 10,26 auf 9,23 Bio. USD
2026 Weltweites ETF-Volumen: 23,08 Bio. USD · Halbjahresrekord: +1,33 Bio. Zuflüsse

Was 2008 wirklich ausgelöst hat

Um zu verstehen, warum ETFs explodiert sind, muss man verstehen, was nach 2008 passiert ist. Nicht in den Depots. In den Zentralbankgebäuden.

Die US-Notenbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank reagierten auf die Finanzkrise mit einem Instrument, das vorher in dieser Dimension nie eingesetzt worden war: Quantitative Easing – Geldmengenerweiterung durch Anleihekäufe.

Die Idee dahinter ist simpel. Die Zentralbank kauft Staatsanleihen und Unternehmensanleihen vom Markt. Das drückt deren Renditen auf null. Wer Sicherheit will, bekommt nichts mehr dafür. Also sucht er Rendite woanders.

Woanders bedeutete: Aktienmarkt. Und wer günstig in den Aktienmarkt investieren wollte, fand ein Instrument, das genau zu diesem Moment bereit stand.

ETFs haben den Bullenmarkt nicht verursacht. Aber sie haben ihn perfekt eingefangen – und davon profitiert. Der Unterschied ist entscheidend.

Das Missverständnis, das Millionen teuer zu stehen kommen kann

Stellen Sie sich vor, Sie wetten seit 15 Jahren auf dasselbe Pferd – und es gewinnt jedes Mal. Irgendwann glauben Sie nicht mehr, dass Sie Glück hatten. Sie glauben, dass Sie das richtige Pferd gewählt haben.

Genau das ist mit ETFs passiert.

Von Ende 2011 bis Ende 2021 legte der MSCI World um rund 250 Prozent zu – gerechnet aus den Jahresrenditen des MSCI-Factsheets, brutto, in Dollar. Wer damals investiert und seitdem nichts getan hat, sieht das als Beweis für die Überlegenheit passiver Strategien. Die Frage, die dabei nicht gestellt wird: Wäre diese Rendite auch ohne die größte Geldmengenausweitung der Geschichte eingetreten?

Die Antwort ist Nein. Und zwar aus einem simplen Grund:

Das reale Wirtschaftswachstum der westlichen Welt war in diesem Zeitraum enttäuschend. Deutschland wuchs in manchen Jahren gar nicht. Europas BIP stagnierte. Die Unternehmensgewinne der meisten DAX-Konzerne stiegen moderat – nicht exponentiell.

Was stieg, waren vor allem die Bewertungen. Anleger zahlten für einen Euro Unternehmensgewinn am Ende dieser Jahre deutlich mehr als am Anfang. Nicht weil die Unternehmen besser wurden. Sondern weil das billige Geld die Preise trieb.

+250 % MSCI World, Ende 2011 bis Ende 2021 – nicht durch Wirtschaftswachstum, sondern durch billiges Zentralbankgeld.

Die Frage, die Klaus heute stellt

Klaus, mein Kunde aus 2009, hat von all dem profitiert. Er ist dabeigeblieben, hat weiter bespart, und sein Depot steht heute deutlich besser als damals. Er ist dankbar.

Aber vor ein paar Monaten hat er mich etwas gefragt, das mich nicht losgelassen hat.

„Markus, die Zinsen sind wieder höher. Die EZB schrumpft ihre Bilanz. Was passiert jetzt mit meinem Depot, wenn das, was es groß gemacht hat, gerade rückwärts läuft?"

Es ist die richtige Frage. Die Frage, die jeder stellen sollte, der heute in einen ETF investiert.

Wer den Treiber versteht, versteht auch das Risiko.

Was Sie jetzt mitnehmen sollten

ETFs sind nicht deshalb gut, weil passive Anlagestrategien grundsätzlich überlegen sind. Sie sind gut, wenn die Rahmenbedingungen stimmen – und in den letzten 15 Jahren haben sie gestimmt wie nie zuvor in der Geschichte.

Die Frage ist nicht, ob ETFs funktioniert haben. Die Frage ist, ob sie unter anderen Bedingungen genauso gut funktionieren.

Teil 3 der Serie

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Erschienen am 27. August 2026 · Teil 3 lesen →

Quellen & Belege

  1. ETFGI: Monatsbericht zur weltweiten ETF-Branche, Mai und Juni 2026. Belegt die 23,08 Bio. USD und die 1,33 Bio. USD Zuflüsse im ersten Halbjahr. Abgerufen am 10.09.2026
  2. Barclays Global Investors: ETF Landscape – Industry Review, Ende November 2008. Weltweit 633,83 Mrd. USD in 1.539 ETFs von 86 Anbietern an 42 Börsen. Abgerufen am 10.09.2026
  3. DAS INVESTMENT, 18.02.2009: Die dort genannten 325 Mrd. USD sind das verwaltete Vermögen von iShares allein, nicht der Weltmarkt · dasinvestment.com
  4. MSCI Inc.: MSCI World Index Factsheet (USD), Stand 31.08.2026. Belegt den Rückgang von 57,82 Prozent zwischen dem 31.10.2007 und dem 09.03.2009 sowie die Jahresrenditen, aus denen die 250 Prozent gerechnet sind. Abgerufen am 10.09.2026
  5. Federal Reserve: Ankündigung des ersten Anleihekaufprogramms vom 25.11.2008; H.4.1-Wochenausweise zur Bilanzentwicklung 2020. Abgerufen am 10.09.2026
  6. Europäische Zentralbank: Rede von Mario Draghi, London, 26.07.2012; Beschluss zum erweiterten Ankaufprogramm vom 22.01.2015; Wochenausweis des Eurosystems zum 17.06.2022. Abgerufen am 10.09.2026
  7. Deutsche Bundesbank: Erläuterung zu Anleihekaufprogrammen und quantitativer Lockerung. Abgerufen am 10.09.2026
  8. PwC: Global ETF Survey – Prognose von mindestens 35 Bio. USD bis Juni 2030. Abgerufen am 10.09.2026

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